Ausstellung/Exhibition

Schamanin und Medizinmann. Opening.

Nicolaes Witsen, Sibirischer Schamane/ Shaman, 1692

Mondphasen_Marina Stiegler_Foto by Margit Steidl

Thema: Natur und der Mensch-Natur-Heilung und Ritual
KünstlerInnen: Theresia Fauland-NeratMarina StieglerSusanne Wenger/Eva UrsprungILAChristian KRI KammerhoferIgor F. Petković
Kuratiert vom contemporary collective graz
(Iris Kasper, BA. und Elisabeth Saubach, MA.)

Begrüßung: Stadtrat Dr. Günter Riegler
Eröffnungsrede: Iris Kasper, BA. und Elisabeth Saubach, MA.

Mensch und Natur sind beinahe seit Anbeginn ihrer Koexistenz durch das Ritual miteinander verbunden. Dabei besteht der Zusammenhang nicht nur darin, dass bei frühen schamanischen oder Glaubens-Ritualen eine üppige Sammlung pflanzlicher und tierischer Gegenstände aus der Natur die materielle Umsetzung eines Rituals voraussetzte. Es ging und geht bei vielen Ritualen mit schamanischem Hintergrund auch um die geistige Verbindung mit der Natur und ihren Energien.
Das Ritual beschreibt im Allgemeinen einen Zustandswechsel der handelnden Person. Es ist dabei im Allgemeinen in drei aufeinanderfolgende Zustände einzuteilen: Zu Beginn befindet sich die ausübende Person im Normalzustand. Sie ist stabil in ein soziales Netzwerk integriert und übt ihre Zuständigkeit im sozialen Netzwerk sachgemäß aus. Im Laufe des Rituals kommt es zum Schwellen- oder Liminalitätszustand. Dies ist die Übergangsphase, in der die ausübende Person sich zwischen den beiden Zuständen, dem alten und dem neuen, befindet. Liminalität kann in Begleitung von Gefühlszuständen wie Angst, Unsicherheit oder Einsamkeit auftreten. Nachdem die Phase der Liminalität überwunden ist gleitet die ausübende Person in den neuen Zustand, welcher über eine gewisse Dauer zum neuen Normalzustand wird. Liminalität findet sich in verschiedenen Lebensphasen, sowie im Alltag.
In der Kunst wird die Liminalität und die damit einhergehende Gefühlsintensität immer wieder von Künstlerinnen und Künstlern in Installationen und anderen Medien verwendet.
contemporary collective

Theresia Fauland-Nerat

Geboren in der Steiermark; ihre künstlerischen Arbeiten umfassen Skulpturen, Möbelskulpturen, Malerei, Zeichnungen und Fotografie. In ihren Arbeiten verbindet Theresia Fauland-Nerat die Vergangenheit mit der Gegenwart, transformiert historische Fragmente und kombiniert archaische und moderne Materialien.

Born in Styria; her artistic work includes sculptures, furniture-sculptures, drawings, paintings, and photoworks. In her work Theresia Fauland-Nerat connects the past with the present, transforms historical fragments and combines archaic with modern materials.

Theresia Fauland-Nerat KRÖNIGLICHE FAMILIE, 2018

Marina Stiegler geboren in Salzburg; ist tätig in den Bereichen Skulptur, Malerei, Installation, Kunst im öffentlichen Raum und Musik. Von besonderem Interesse ist dabei für sie die Verbindung von Kunst und Sozialem. Dabei beschäftigt sie sich unter anderem auch mit rituellen Konstrukten, so wie sie Gemeinschaft und Soziales formen können.

Marina Stiegler born in Salzburg; is active in the areas of Sculpture, painting, installation, art in public space and music. Besides, from special interest is the connection of art and social. Among the rest, she deals also with ritual constructs, as well as they can form community and social structures.

Susanne Wenger/Eva Ursprung

Die gebürtige Grazer Künstlerin Susanne Wenger wanderte nach Afrika aus und beschäftigte sich intensiv mit dem dortigen spirituellen Modell: Auf der ganzen Erde und an den fernsten Horizonten des menschliche Genius, gibt es diese Altäre der Wildnis, der heiligen Ursprünge, Altäre des perfekten Klanges, die großen Komponisten, bekannt oder anonym. Die Urkraft ihrer Schöpfungen klingt in Emanation spiritueller Fruchtbarkeit durch die Ewigkeit. (Susanne Wenger)

The Grazer artist Susanne Wenger emigrated to Africa and dealt intensely with the spiritual model there: “All over the world and in the far away horizons of the human genius, it announces these altars of the wilderness, the holy origins, altars of the perfect sound, the big composers, or anonymously. The old strength of her creations sounds in emanation of spiritual fertility by the eternity. (Susanne Wenger)

ILA wurde in Leoben geboren; der Künstler hat sich in seinem Leben und Werk intensiv mit spirituellen Themen auseinandergesetzt. Von keltischer Mythologie über Numerologie und magische Zeichen, bis hin zu indigenen, archaischen Riten und so hat ILA über die Jahre ein vielschichtiges, ambivalentes Werk hervorgebracht.

ILA was born in Leoben, the artist has argued in his life and work intensely with spiritual subjects. From celtic mythology about numerology and magic signs, up to indigenous, archaic rites and thus, ILA produced about the years a multi-layered, ambivalent work.

Christian KRI Kammerhofer

Geboren in Bruck an der Mur; der Künstler arbeitet in den Bereichen Malerei, Installation, Performance, Skulptur, Video und Fotografie. Als bildender Künstler ist Kammerhofer keineswegs auf ein bestimmtes Medium fokussiert. Im Grunde geht es ihm darum, eine Idee in der ihr möglichst entsprechenden Form umzusetzen beziehungsweise das entsprechende Medium zu finden. “Wie ein Falke. Wie ein Ziel. Wie ein ferner weißer Punkt.” (H.C. Artmann)

Born in Bruck an der Mur; the artist works in the areas of painting, installation, performance, sculpture, video and photography. As artist Kammerhofer is not focused on a certain medium. Basically, he searches for the right form of an idea and at the same time for the corresponding medium. “Like a falcon. How an aim. How a distant white point.” (H.C. Artmann)

 

Igor F. Petković

Petković experimentiert mit artifiziellen Ausdrucksmöglichkeiten, wissenschaftlichen Erkenntnisdarstellungen und popkulturellen Phänomenen. In seiner künstlerischen Praxis arbeitet der Künstler primär in den Medien Video und Fotografie – allerdings spielen auch Performances und multimediale Zugänge, im Kontext raumgreifender Installationen eine zentrale Rolle.

Petković experiments with artificial expression possibilities, scientific knowledge representations and pop-cultural phenomena. In his artistic practice the artist works primarily in the media video and photography – indeed, performances and multimedia accesses, in the context of space-reaching installations, also play a central role.

 

 



Schamane
Die sehr verallgemeinernde und undifferenzierte Verwendung dieser Bezeichnung für die religiös-spirituellen Spezialisten nicht-sibirischer Ethnien (wie es im Kontext der sogenannten Schamanismus-Konzepte üblich ist) wird von einigen Wissenschaftlern und Indigenen kritisiert, weil damit eine Gleichheit ganz unterschiedlicher kultureller Phänomene suggeriert werde. Sie plädieren dafür, stattdessen die jeweiligen regionalen Benennungen zu verwenden.

Verschiedene Geisterbeschwörer beiden Geschlechts sind bzw. waren Bestandteil sehr vieler ethnischer Religionen, finden sich aber auch in manchen volksreligiösen Ausprägungen der Weltreligionen, wie beispielsweise bei buddhistischen und islamischen Kulturen.[6] Insbesondere bei einigen traditionellen indigenen Gemeinschaften spielen sie auch heute noch eine Rolle – wenngleich häufig deutlich abgeschwächt und verändert. Die Existenz von rituellen Experten geht vermutlich mindestens bis auf die magisch-spirituelle Religiosität der Mittelsteinzeit zurück. Die Deutung entsprechender Funde ist jedoch umstritten.

In der Vergangenheit waren solche Menschen in den meisten Regionen Teilzeitspezialisten, die ansonsten anderen Subsistenzformen nachgingen. Moderne „Neoschamanen“ (die in diesem Artikel nur am Rande behandelt werden) sind hingegen vielfach Vollzeitspezialisten, die ihre Tätigkeiten aktiv anbieten und davon ihren Lebensunterhalt bestreiten.(Wikipedia)

„Schamanin und Medizinmann“

Das Ritual ist nie aus der westlich-modernen Welt verschwunden, es „wird (wieder und zunehmend) mit Ritualen gespielt, [sie] behaupten sich selbst in vermeidlich handlungsfernen Kontexten wie dem Internet […] in den virtuellen Welten der Künste, der Literatur und des Films.“ Axel Michaels und Dietrich Harth analysieren in einem Aufsatz zur Ritualdynamik den Zusammenhang von Riten und der Erlebnisgesellschaft: „In der globalen Erlebnisgesellschaft werden Rituale wiederentdeckt und neu erfunden, kombiniert man alte mit neuen Handlungsmustern oder importiert sie aus anderen Kulturen.“
Rituale organisieren und strukturieren eine Gemeinschaft, werden sie in einer Gruppe ausgeübt stärken sie den Zusammenhalt und bilden innerhalb der Gemeinschaft eine tiefe Verbundenheit. Prinzipiell wird unter einem Ritual eine Handlung verstanden, die nach exakt festgelegten Regeln verläuft, nach einem repetitiven Muster, dass von verschiedenen Handlungselementen und Symbolen begleitet zu einem bestimmten Zweck ausgeübt wird und dabei an speziell dafür vorgesehenen Orten stattfindet.
Günter Rombold konstatiert in seinem 1999 veröffentlichten Aufsatz „Rituale in der Kunst der Gegenwart“ in welchem er Hermann Nitsch und Joseph Beuys auf religiöse Implikationen hin untersucht: „In der Kunst sollten wir von individuellen Ritualisierungen sprechen.“ Er erkennt ebenso wie die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, dass dem Ritual im Kontext der künstlerischen Performance bestimmte Merkmale, wie eine gewohnheitsmäßige Wiederholung oder der Vollzug innerhalb von Glaubensgemeinschaften, fehlt. Fischer-Lichte postuliert im Kontext von Kunst und/als Ritual, bezogen auf die Postmoderne, dass zumindest ein Anspruch auf die transformative Kraft des Rituals von einigen Künstler*innen erhoben wurde:

„Die Künstler[*innen], die in den sechziger und siebziger Jahren mit ihren Aktionen und Performances Opfer-, Heilungs-, Exorzismus-, oder Initiationsrituale transformierten, verbanden damit häufig den Anspruch, in ihren Aufführungen einen Zustand von Liminalität herzustellen und so die Möglichkeit zu grundlegenden Verwandlungen des Einzelnen und der Gesellschaft zu eröffnen.“

So spielten wirkungsästhetische Ansätze eine maßgebliche Rolle in der künstlerischen Aneignung spiritueller Modi. Verschiedene künstlerische Positionen zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie die festgelegten Ordnungsprinzipien des Rituals neu konstruieren, erweitern und neu definieren. In diesem Kontext wird die Leinwand zur Höhlenwand auf der Symbole und Zeremonien verewigt werden, Objekte werden zu rituellen Gebrauchsgegenständen und Performances werden zu Initiationsriten. Ein möglicher Zugang für Künstler*innen ist dabei das spirituelle Modell des Schamanismus.
Es gibt zahlreiche Kataloge, Aufsätze in einschlägigen Magazinen und Publikationen die sich mit der Figur des „Künstler-Schamamen“ oder dem Phänomen Schamanismus im Kontext der postmodernen Kunst beschäftigen. Beispielsweise Michael Thévoz bringt eine ganze stilistische Richtung der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Phänomen
des Spiritismus in einen Zusammenhang, wobei er Spiritismus als „ritualisierte Kontaktaufnahme mit […] Verstorbenen“ versteht.

Nach Lydia Haustein wurde im europäischen Raum der Zusammenhang von Kunst und Ritual vor allem bei der documenta 5 geprägt, bei der Joseph Beuys als einer der Ersten seine „individuelle Mythologie“ prägte: „Die zentrale Figur der programmatischen Ausstellung war der selbsternannte „Schamane“ Joseph Beuys.“ Der Künstler verstand Riten als „ambivalente Mittel eines übersinnlichen Vorgehens“, die „den mythisch-religiösen Bereich aller Menschen“ besetzen.“ Besonders im europäischen Raum gelten seine Aktionen und Performances bezogen auf den Entstehungskontext „Kunst und/als Ritual“ neben derer Nitschs, als maßgeblich.
Nach Erika Fischer-Lichte bezogen sich Künstler*innen der Postmoderne im Kontext von Performances „auffallend häufig auf Rituale, die sie in ihren Darbietungen auf je spezifische Weise umformten.“ Verena Kuni zieht in ihrer Dissertation ähnliche Schlüsse:

„der Schamanismus [gewinnt] nicht zuletzt im Zh. mit dem künstlerischen Interesse an außereuropäischen Kulturen sowie im Zuge der Entwicklung der Performance-Kunst, deren Vertreter sich teilweise sowohl mit indigener Spiritualität, als auch mit an der Anthropologie genährten Theater-Theorien beschäftigen, an Bedeutung […]; zum Beginn der achtziger Jahre erreicht diese Entwicklung mit einem regelrechten ‘Schamanen-Kult’ im Zuge von “New Age” einen vorläufigen Höhepunkt.“

In der Studie „Künstlerschamanen – Zur Aneignung des Schamanenkonzepts bei Jim Morrison und Joseph Beuys“ analysiert Karin Riedl in der Vorstellung ihrer These:
„Bis zu einem gewissen Punkt läuft die Aneignung des Schamanismus in verschiedenen Bereichen wie alternativer Medizin, Populärpsychologie und Kunst parallel, weshalb der Aspekt der künstlerischen Aneignung auch nicht völlig isoliert betrachtet werden kann.“
Und weiter heißt es: „Im Laufe des 20.Jahrhunderts kam es wiederholt vor, dass Künstler verschiedener Sparten mit Schamanen gleichgesetzt wurden.“ Weiteres geht Victor Turner davon aus, dass die künstlerische Performance eine Art Verbindungsstück zwischen Ritual und Theater ist und nimmt „ein – auch historisches – Kontinuum zwischen schamanischen Ritual, griechischem Theater, Karneval und moderner Aktionskunst an.“ Wie Sandra Adam-Couralet in einem Aufsatz aber richtig bemerkt: „Allerdings schreibt sich der »jenseits derGrenze« stehende Künstler in einen rituellen Rahmen ein, der weniger bestimmt ist als der des Schamanen.“

Beispielsweise Isolde Wawrin zeigt, abseits von künstlerischer Performance, in ihren Zeichnungen ein Geflecht aus „zeitgenössischen Wahrnehmungskategorien, individuellen und fast phantasmatischen Symbolisierungen und Images, und einer Reihe von historisch frühen oder archaischen Symbolsystemen […].“ Nach Johannes Meinhardt realisiert die Künstlerin so eine „zugleich subjektiv überzeitliche, objektiv historisch eklektizistische Traumwelt: eine spirituelle Welt, die ihr Material von Aborigines und Indianern, Visionären und Mythologen bezieht.“ So generiert Wawrin in ihren Zeichnungen „Topologien von Mythen und Riten“ und zeigt uns „eine leibliche und zugleich spirituelle Arbeit der Weltordnung.“
Es lässt sich also feststellen, dass der Schamanismus in der postmodernen Kunst immer wieder in voneinander differenten künstlerischen Positionen eine wichtige Rolle einnahm. Das nicht nur im konzeptuellen Entstehungsprozess der Arbeit, sondern auch in Form einer Adaption explizit schamanischer Aspekte, die vor allem innerhalb künstlerischer Performances evident wurden. Hier wird die Semantik des Schamanismus signifikant: ob auf die spezielle Materialität der Werke oder ihre artifizielle Darstellung bezogen. In der Lektüre dementsprechender Literatur fallen immer wieder, beinahe beiläufig, Beschreibungen der Arbeiten als „archaisch“ oder als „mythisch“ auf. Das „Archaische“ lässt sich, je nach Kontext, im Sinne des Schamanismus interpretieren als Wissen, Technik, Symbolsprache, oder Glaubenssystem, früher Jäger- und Sammlerkulturen. Die Beschreibung „mythisch“ ist dabei um Vieles kritischer zu betrachten: ohne festzustellen auf welche Art des Mythos sich ein Werk bezieht, macht es eher wenig Sinn das Werk selbst als „mythisch“ zu bezeichnen.

Innerhalb einzelner gegenwärtiger künstlerischer Positionen lässt sich das Ritual ebenso als konzeptioneller Ausgangspunkt, oder als ästhetische Basis feststellen. Die zwei, wohl wichtigsten, Kunstausstellungen der Welt zeugten 2017 von der Relevanz dieses Themas im Kontext der zeitgenössischen Kunst: die 57. Biennale Arte und die documenta 14. So wurden beispielsweise in der documentahalle Schnitzarbeiten von Beau Dick präsentiert, indianische Masken die sich auf die Kosmologie der Kwakwaka ‘ wakw beziehen. In zwei Performances in Victoria (2013) und in Ottawa (2014) zerbrach der Künstler rituell Kupferplatten: „Indem wir diese Platte brechen, wenden wir uns gegen die Tyrannei und Unterdrückung eines Staates, der die Menschenrechte missachtet und sich für den allmächtigen Dollar von der Natur abwendet.“ Aber auch andere Arbeiten zeigten einen ähnlichen Zugang: Videos von im Dschungel tanzenden und mit Masken verkleideten Männern (Dreikanal-Videoinstallation von Khvay Samnang), blaue Handabdrücke und gemalte Bumerangs auf raumgreifenden Leinwänden die an Zeichnungen von Aborigines erinnern (Dale Harding), oder Rebecca Belmores „Ayum-ee-aawach Oomama-mowan: Speaking to Their Mother“, ein riesiges Horn, dass die ungehörten Stimmen der indigenen Völker in den Mittelpunkt stellt. Christine Macel, Kuratorin der 57.Biennale Arte, entwickelte einen ganzen Pavillon in der Arsenale unter dem Thema Schamanismus in dem beispielsweise Positionen wie Ernesto Neto, Enrique Ramirez oder Rina Banerjee gezeigt wurden: „In the Pavilion of Shamans“ many artists subscribe to the definition of the artist as a “shaman”, and there are also those who become “missionaries”, as per Duchamp’s definition, stirred by an internal vision. This figure, which Joseph Beuys made his own, from which few managed to recover, and was mostly – in retrospect – underestimated, takes on today a new dimension, at a time where the need for care and spirituality is greater than ever.”

In der 2016 digital veröffentlichten Magisterarbeit „ILA alias I LOVE ALL – Schamanismus im Kontext der zeitgenössischen Kunst“ wurde das Phänomen Schamanismus im zeitgenössischen Kunstwerk untersucht: Das rituelle Objekt und das Ritual, in seiner doppelten Bedeutung in der Kunst – einerseits als das vom Künstler/von der Künstlerin in der Fotografie oder Malerei inszenierte – und andererseits als das für Betrachter*innen erfahrbare, bildeten drei Anknüpfungspunkte von denen aus Werkgruppen entwickelt wurden – „Die Werkzeuge des Schamanen – das rituelle Objekt als Kunstwerk“, „Das im Werk dokumentierte Ritual – Fotografie und Malerei“ und „Das Ritual als räumliche Inszenierung oder performative Installation.“

Auch in der Ausstelllung „Schamanin und Medizinmann“ bietet es sich an, das Phänomen Ritual über die Präsentation ähnlich aufgebauter Werkgruppen zu untersuchen. Die Rede ist hier von Werken, bei „denen ein meditativer Umgang mit dem Material im Mittelpunkt steht, sowie zum anderen komplexe Installationen […] in denen Künstler einen „Initiationsweg“ inszenieren […].“ Dabei spielt das von Arnold van Gennep geprägte „rite de passage“ eine zentrale Rolle, wie es auch explizit in zahlreichen Arbeiten zum Ausdruck kommt. (Vgl. beispielsweise Jeremy Shaw, Liminals, Video, 2017) Die sogenannte „Liminalität“ drückt sich aus durch eine Form von Grenzerfahrung welche häufig mit „Tod, mit dem Dasein im Mutterschoss, mit Unsichtbarkeit, Dunkelheit, Bisexualität, mit der Wildnis und mit einer Sonnen- oder Mondfinsternis“ assoziiert werden. Das Phänomen tritt dann auf, wenn Rituale mit Grenzerfahrungen zusammen hängen und äußert sich im „Konstituieren, Erweitern und Verengen, Neudefinieren und Legitimieren von Grenzen.“ Wie Christoph Wulf und Jörg Zirfas es in diesem Kontext formulierten: „Rituale werden in diesem Sinn als performative Inszenierungen verstanden.“ In einer Betrachtung des Phänomens Schamanismus im Kontext der Ritualtheorie wird oft auf Heilrituale in ihrer Verbindung mit kulturellem Transfer verwiesen.

Die Ausstellung „Schamanin und Medizinmann“ erforscht Zugänge zu einem prägnanten Thema der zeitgenössischen Kunst: Kunst und / als Ritual. Dabei ist die konzeptionelle Basis die These, dass einigen Werken der zeitgenössischen Kunst das Phänomen „Ritual“ inhärent ist. Die Art und Weise wie das Ritual in der Kunst auftreten kann, wird innerhalb der Ausstellung untersucht.

Fzußnoten:
[1]                                Dietrich Harth, Axel Michaels, Ritualdynamik, in: Christiane Brosius, Axel Michaels, Paula Schrode (Hrsg.),  Ritualforschung heute – ein Überblick, Göttingen 2013, S.123-126., hier: S.125.
[2]                                Harth/Michaels 2013, S.125.
[3]                                Vgl. Ines Beilke-Vogt, Archäologie, Ritual und Symbol. Ein Beitrag zu Ritualräumen und Befunden mit Ritualcharakter, in: Anthropologische Gesellschaft Wien (Hrsg.), Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien. Generalthema: Symbole und Rituale, Bd.145., Wien 2015, S.1-41., hier: S.1.
[4]                                Günter Rombold, Rituale in der Kunst der Gegenwart, in: Florian Uhl, Artur R. Boelderl (Hrsg.), Rituale. Zugänge zu einem Phänomen, Schriften der Österreichischen Gesellschaft für Religionsphilosophie, Bd.1., Düsseldorf, Bonn 1999,S.115 -129, hier: S.116.
[5]                                Vgl. Rombold 1999, S.116.
[6]                                Erika Fischer-Lichte, Erika Fischer-Lichte, Der Künstler als Schamane. Anmerkungen zur Aktion „Coyote: I like America and America likes me“ von Joseph Beuys, in: Uwe Fleckner, Martin Schieder, Michael F. Zimmermann (Hrsg.),  Dialog der Avantgarden (Jenseits der Grenzen. Französische und deutsche Kunst vom Ancien Régime bis zur Gegenwart, 3) Köln 2000, S.230-241., hier: S.230.f.
[7]                                Michael Thévoz, Art Brut und Spiritismus. Warum, abgesehen von den Patienten psychiatrischer Kliniken, findet man derart viele Adepten des Spiritismus bei den Art-Brut-Künstlern?, in: Paolo Bianchi (Hrsg.), Kunstforum International. Bild und Seele, Über Art Brut und Outsider-Kunst, Bd.101., Köln 1989, S.168-173, hier: S.168.
[8]                                Lydia  Haustein, Performance-Kunst aus der Welt imaginierter Primitivität, in Klaus-Peter Köppig u.a. (Hrsg.), Im Rausch des Rituals. Gestaltung und Transformation der Wirklichkeit in körperlicher Performanz, Berlin  2008, S.217-227, hier: S.218.
9]                                Haustein 2008, S.218.
[10]                                Fischer-Lichte 2000, S.230.
[11]                                Karin Riedl, Künstlerschamanen, Zur Aneignung des Schamanenkonzepts bei Jim Morrison und Joseph Beuys (Edition Kulturwissenschaft, 24), Bielefeld 2014, S.27.
[12]                                Riedl 2014, S.9.
[13]                                Riedl 2014, S.224. Vgl. Turner 1977 und 1982
[14]                                Sandra Adam-Couralet, Kunstformen der Transgression. Der »verblüffte« Zuschauer, in: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Hrsg.) Narren, Künstler, Heilige. Lob der Torheit, Ausst.-Kat., Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, Berlin 2012, S.195-198, hier:S.195.
[15]                                Johannes Meinhardt, Isolde Wawrin, in: Paolo Bianchi (Hrsg.), Kunstforum International. Bild und Seele, Über Art Brut und Outsider-Kunst, Bd.101., Köln 1989, S.393-394, hier: S.393.
[16]                                Meinhardt 1989, S.394.
[17]                                Ebd., S.394.
[18]                                Ebd
[19]                                Vgl. Candice Hopkins, Beau Dick, 15. August, in: Quinn Latimer, Adam Szymczyk (Hrsg.), documenta 14, Daybook, Kassel 2017, o.S.
[20]                                Beau Dick zit. nach: Hopkins 2017, o.S.
[21]                                Vgl. Candice Hopkins, Rebecca Belmore, 3.Juni, in: Quinn Latimer, Adam Szymczyk (Hrsg.), documenta 14, Daybook, Kassel 2017, o.S.
[22]                                Christine Macel, Viva Arte Viva, in: Biennale Arte 2017, Short Guide, S.38.-44, hier: S.41.ff.
[23]                                Vgl. Elisabeth Saubach, ILA alias I LOVE ALL – Schamanismus im Kontext der zeitgenössischen Kunst, MA-Arbeit, Graz 2016, S.1.
[24]                                Verena Kuni, Der Künstler als „Magier“ und „Alchemist“ im Spannungsfeld von Produktion und Rezeption. Aspekte der Auseinandersetzung mit okkulten Traditionen in der europäischen Kunstgeschichte nach 1945. Eine vergleichende Fokusstudie – ausgehend von Joseph Beuys, phil. Diss. Marburg 2004, S.111.
[25]                                Turner 2008, S.249.
[26]                                Wulf/Zirfas 2004, S.76.
[27]                                Ebd., S.76.
[28]                                Vgl. Grünwedel 2013, S.182.f.